Aus den Reden auf der Intenationalen Konferenz und Kundgebung gegen den Krieg in London am 19./20. Juni 2026 (Auszüge)
Yasmine Adam, Leiterin für Medien und politische Angelegenheiten bei der Muslim Association of Great Britain

„Es gibt einen Satz, der verschiedenen Personen zugeschrieben wird, aber ich glaube, dass er in Wirklichkeit unserer gesamten Bewegung gehört: ‚Das erste Opfer des Krieges ist nicht die Wahrheit, sondern die Solidarität.‘ Diejenigen, die andere in den Tod schicken, haben schon immer gewusst, dass ihre größte Verwundbarkeit dann zum Vorschein kommt, wenn die Arbeiter über die Grenzen hinwegblicken, die man gezogen hat, um sie zu spalten – seien diese nun auf Rasse, Religion oder Nationalität gegründet – und sich gegenseitig kennenlernen.
Vor dreiundzwanzig Jahren haben wir gemeinsam mit unseren Kolleg*innen von „Stop the War“ und der „Campaign for Nuclear Disarmament“ (CND) den Grundstein für eine Antikriegskoalition gegen die Invasion des Irak gelegt.
Viele sagten, das sei zu kompliziert, zu riskant. Dennoch marschierten am 15. Februar 2003 zwei Millionen Menschen durch die Straßen von London. (…) Manchmal besteht die Tendenz, die verschiedenen Formen der Unterdrückung als getrennte Realitäten zu betrachten: Rassismus auf der einen Seite, Krieg auf der anderen, die extreme Rechte woanders, Arbeitnehmerrechte in einer ganz anderen Kategorie. Doch unsere Bewegung war gerade deshalb erfolgreich, weil sie versteht, dass diese Realitäten nicht voneinander getrennt sind.
Sie entspringen derselben Logik.
Bevor der „Krieg gegen den Terror“ zur Außenpolitik wurde, war er zunächst Innenpolitik. Dies erforderte die Rassifizierung meiner Gemeinschaft, die als von Natur aus verdächtige Bevölkerungsgruppe dargestellt wurde. Was folgte, war die Einrichtung eines Überwachungsapparats, der muslimische Gemeinschaften als eine Bedrohung behandelte, die es zu kontrollieren galt.
Die Islamophobie-Industrie, die sich in der Folge entwickelte – seien es Thinktanks, Medien oder Politiker, die ihre Karriere auf dem Hass gegen Muslime aufgebaut haben –, gründete sich auf dieselbe Logik. Und die darauf folgenden Kriege, sei es in Bagdad, Kabul oder Gaza, folgten derselben Logik. Denn wenn es gelingt, genügend Menschen davon zu überzeugen, dass manche Leben weniger wert sind als andere, kann man weiterhin Bomben, Kugeln und Waffenexportlizenzen in Umlauf bringen.
Deshalb war der Kampf gegen die extreme Rechte nie eine Ablenkung vom Kampf gegen den Krieg. Es ist ein Kampf gegen den Krieg.
Dieselben Spendernetzwerke in Europa und Nordamerika unterstützen dieselben Regierungen, die die Militärausgaben in die Höhe treiben, von der Wiedereinführung der Wehrpflicht sprechen und die Wahl zwischen Rüstung und öffentlichen Dienstleistungen so darstellen, als gäbe es gar keine Wahl. Islamfeindlichkeit und Kriegstreiberei stammen aus derselben Produktionskette. Die Solidarität mit Palästina, das Engagement für muslimische Gemeinschaften, der Antirassismus, die Stärke der Gewerkschaftsbewegung und die Antikriegsbewegung im weiteren Sinne sind verschiedene Ausdrucksformen derselben Überzeugung: „Gerechtigkeit darf nicht an Bedingungen geknüpft sein.“
Als unsere Bewegung daher 2004 gegen das Hijab-Verbot in Frankreich demonstrierte, war dies ein Akt des Kampfes gegen den Krieg.
Jedes Mal, wenn wir uns gegen die extreme Rechte mobilisieren, sei es gegen die BNP (1), die EDL (2) oder einen ihrer Nachfolger, ist dies ein Akt des Kampfes gegen den Krieg.
Denn wir müssen uns jedes Mal weigern, wenn die Regierung versucht, uns vorzuschreiben, welche Opfer legitim sind und welche nicht.
Das ist das Wesen des Kampfes gegen den Krieg. Das Modell, das wir in Großbritannien aufgebaut haben, verdient es, untersucht zu werden, denn wir müssen klarsehen. Für manche europäische Bewegungen war es einfacher, sich abstrakt gegen den westlichen Imperialismus zu stellen, als muslimische Gemeinschaften konkret zu verteidigen. Viele fühlen sich mit einem Antikriegsdiskurs wohl, solange dieser sie nicht zwingt, sich mit der Islamfeindlichkeit der Staaten, in denen sie leben, auseinanderzusetzen. Man kann keine Bewegung gegen Militarismus und Krieg aufbauen und gleichzeitig die Ideologien tolerieren, die diese erst möglich machen. Man kann sich nicht gegen Waffenhändler und die Erhöhung der NATO-Ausgaben stellen und gleichzeitig die Vorstellung akzeptieren, dass muslimische Gemeinschaften eine Bedrohung darstellen, die es zu bewältigen gilt. Wir müssen uns also entscheiden.
Entweder bekräftigen wir, dass Rassismus und Islamfeindlichkeit Instrumente der Spaltung sind, oder wir tun es nicht. Entweder setzen wir uns ausnahmslos für Gerechtigkeit ein, oder wir tun es nicht. Entweder bauen wir eine Bewegung auf, in der sich jeder Arbeitnehmer, unabhängig von seinem Glauben – oder seinem Nichtglauben –, unabhängig von seiner Herkunft und unabhängig von seinem Herkunftsland wiedererkennen kann, oder wir tun es nicht. Ich weiß, welcher Bewegung ich angehören möchte: einer Bewegung, die immer wieder bewiesen hat, dass sie in der Lage ist, Millionen von Menschen auf die Straße zu bringen. Ich hoffe, dass wir dieses Modell dringend in ganz Europa für die Zukunft von uns allen nachahmen können.“
Anmerkungen
1) BNP: British National Party
2) EDL: English Defence League