Rede auf der Konferenz gegen den Krieg in London am 19. Juni 2026, die dem Meeting am 20. Juni vorausging (Auszug)
Pavel Obrero, russischer linker Kriegsgegner
„Ich spreche im Namen der ‚Postsowjetischen Linken‘ und der Koalition ‚Frieden von unten‘. In unserer Organisation arbeiten Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen. Was uns verbindet, ist nicht die Nationalität, sondern eine gemeinsame politische Aufgabe.
Wir pflegen regelmäßige Kontakte zu unabhängigen linken und internationalistischen Organisationen im gesamten postsowjetischen Raum. Oft hört man, dass das politische Feld in Russland vollständig zerstört worden sei, dass es keine Bewegung mehr gebe. Das stimmt nicht. Diese Bewegungen sind zwar schwach und unterliegen starker Repression, aber sie existieren und sind aktiv. Einige der wenigen öffentlichen Aktionen, die in letzter Zeit organisiert wurden, gingen auf das Konto internationalistischer linker Gruppen, die anschließend hart niedergeschlagen wurden. Die Unterstützung unserer internationalistischen Genoss*innen ist unerlässlich, damit diese Menschen und Organisationen weiterbestehen können.
Deshalb haben wir eine Petition zur Unterstützung der Deserteure gestartet, die ihr auf deserters.org (siehe unten) finden könnt. Ich möchte nun auf den Kampf im Ausland eingehen. Die Migranten in Europa bilden keine homogene Masse von Opfern. Sie sind ein Schauplatz des Kampfes. Unter ihnen befinden sich Menschen, die vor Krieg und Unterdrückung geflohen sind, Deserteure, Arbeitsmigranten und politische Aktivisten. Aber es gibt auch Menschen, die das Putin-Regime verabscheuen, dabei jedoch keine andere Perspektive sehen als die westlichen Staaten und einen militärischen Sieg der Ukraine um jeden Preis. Das ist eine Falle. Ein Teil der liberalen russischen Emigration – die sogenannte Bewegung der „guten Russen“ – lehnt den Krieg in der Ukraine ab, unterstützt aber den Krieg in Gaza oder schweigt dazu. Ihr Problem ist nicht der Militarismus an sich; es ist lediglich, dass Russland auf der falschen Seite steht. Wir lehnen diese Lagerlogik gänzlich ab.
Putins Regime wird nicht auf dem Schlachtfeld zerstört werden. Es kann nur von innen heraus erschüttert werden: durch Deserteure, durch die Verweigerung der Wehrpflicht, durch Sabotage der Mobilmachung, durch den Widerstand der Soldatenfamilien und, im weiteren Sinne, durch einen Widerstand, der aus der russischen Gesellschaft selbst entsteht.
Doch dieser politische Konflikt, der sich auch außerhalb Russlands fortsetzt, zeigt, dass Migrationsbewegungen ein umkämpfter Raum sind. Die AfD (1) versucht, einen Teil der russischsprachigen Diaspora für sich zu gewinnen; die „Grauen Wölfe“ (2) versuchen, einen Teil der türkischen Diaspora zu organisieren. Die Lehre daraus ist einfach: Diese soziale Kraft wird von jemandem organisiert werden. Wenn die Linke dies nicht tut, werden es die Nationalisten und die extreme Rechte tun. (…)
Deshalb haben wir die Initiative „Migrant Collective“ ins Leben gerufen. Sie hat ihre Wurzeln in der Gewerkschaftsbewegung, geht aber noch einen Schritt weiter: Sie schafft eine mehrsprachige und leicht zugängliche Infrastruktur, damit Menschen, die mit Arbeitskonflikten oder spezifischen migrationsbezogenen Problemen konfrontiert sind, nicht allein gelassen werden.
Emanzipierte Migrant*innen, die sich voll und ganz im politischen Leben engagieren, sind eine der mächtigsten Kräfte, die es gibt, um eine internationalistische Solidarität aufzubauen. Ein Migrant ist in der Praxis – und nicht nur in der Theorie – hundertmal stärker mit der politischen Realität seines Herkunftslandes verbunden, als es ein offizieller Kanal der zwischenstaatlichen Beziehungen jemals sein wird. Sich kollektiv zu organisieren bedeutet, den Kampf gegen den Krieg vom Schlachtfeld in die Gesellschaft selbst zu verlagern.
Anmerkungen
1) Rechtsextreme Partei in Deutschland.
2) Rechtsextreme paramilitärische Organisation.