Beitrag von auf der 4. Gewerkschaftlichen Friedenskonferenz in Würzburg (Auszüge, in voller Länge veröffentlicht in der UZ vom 28.7.26)
Im Juli 1956 wurde in Deutschland die Wehrpflicht wieder eingeführt. Nur wenige Wochen vor dem Beschluss schrieb Bertolt Brecht in einem Offenen Brief an den Bundestag: „Gestatten Sie mir, als einem Schriftsteller, zu der Furcht einflößenden Frage einer Wiedereinführung der Wehrpflicht Stellung zu nehmen. Als ich ein junger Mensch war, gab es in Deutschland eine Wehrpflicht und ein Krieg wurde begonnen, der verloren ging. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, aber als Mann erlebte ich, dass sie wieder eingeführt wurde, und ein zweiter Krieg wurde begonnen, größer als der erste. Deutschland verlor ihn wieder und gründlicher, und die Wehrpflicht wurde wieder abgeschafft. (…) Jetzt, an der Schwelle des Alters, höre ich, dass die Wehrpflicht zum dritten Mal eingeführt werden soll. Gegen wen ist der dritte Krieg geplant? Gegen Franzosen? Gegen Polen? Gegen Engländer? Gegen Russen?“
Heute teilt die Mehrheit der Jugend in diesem Land Brechts Sorge vor der Wiedereinführung der Wehrpflicht. Wir wollen nicht im Krieg sterben und an der Waffe ausgebildet werden, um andere Menschen zu töten. Wir wollen nicht, dass die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit, die bisher ihre Grenzen in den Geldbeuteln unserer Eltern fand, in Zukunft bei Fragebögen, Musterungen und Zwangsdiensten endet.
Und genau wie Brecht damals fragen wir: Gegen wen sollen wir in den Krieg ziehen? Für wen und in wessen Interesse wird die Wehrpflicht wieder eingeführt? (…)
Ersatzdienste zur Wehrpflicht bedeuten für uns eine Einschränkung unserer Selbstbestimmung – und das bei geringer Vergütung und ohne, dass damit die Unterbesetzung mit ausgebildeten Fachkräften im Sozial- und Gesundheitsbereich gelöst würde. Würden die Herrschenden den hausgemachten Fachkräftemangel lösen wollen, müssten sie bessere Arbeitsbedingungen schaffen und Fachkräfte ordentlich bezahlen, und nicht Zwangsdienste einführen. Wir lassen uns nicht als billige Arbeitskräfte und als Lohndrücker gegen unsere Kolleginnen und Kollegen ausspielen! Deswegen ist es richtig, dass der DGB-Bundeskongress auf Initiative der DGB-Jugend beschlossen hat: „Der DGB lehnt eine Wiedereinführung der Wehrpflicht und des Zivildienstes sowie die Einführung anderer Pflichtdienste für junge Menschen ab. Bestehende rechtliche Möglichkeiten zum Pflichtdienst oder zur Arbeitspflicht müssen abgeschafft werden. Jede Form der Wehrerfassung lehnen wir ebenfalls ab.“ (…)
In einer Gesellschaft, in der alles nach und nach dem Krieg untergeordnet wird, gibt es mehr, was uns eint. Die Kehrseite der Militarisierung ist die Kahlschlagpolitik: Renten werden gekürzt, an der Bildung gespart, Schulen bröckeln, Hörsäle stürzen ein, Krankenhäuser werden zu Lazaretten umgerüstet. Reallöhne sinken, während die Renditen bei Rheinmetall und Co. steigen. Wer dagegen kämpfen will, kann über die Kriegsvorbereitung nicht schweigen. Es sind zwei Seiten derselben Medaille.
Unser Protest gegen Wehrpflicht, Militarisierung und Sozialkahlschlag und für unsere Interessen richtet sich gegen diese Regierung, gegen BlackRock-Merz und die Quandts und Klattens in diesem Land, die auf unsere Kosten ihre Profite machen.(,,,) Beim Schulstreik am 8. Mai wurde eine Schülerin in München mit einem selbstgemalten Schild mit der Aufschrift „Merz stirb doch selber an der Ostfront“ gewaltsam aus der Demo gerissen. Die Polizei prügelte mit Schlagstöcken auf die streikenden Schülerinnen und Schüler ein. Dem vorangegangen war mediale Hetze im „Bayerischen Rundfunk“.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute ist es die Meinungs- und Versammlungsfreiheit der Schülerinnen und Schüler, die eingeschränkt wird – morgen die der Gewerkschaften und im Betrieb. Das merken wir in Ansätzen schon heute an der Einführung von Regelabfragen im Öffentlichen Dienst. Heute sind es Schulstreiks, die verboten und verprügelt werden – morgen unser Streikrecht, das angegriffen und uns genommen wird.
Es kann nur eine Antwort von uns darauf geben: Gemeinsam Kämpfen gegen Militarisierung, Kahlschlagpolitik und Demokratie-Abbau. (…)
In diesem gemeinsamen Kampf gegen die Wehrpflicht entsteht auch durch die Repression Bewusstsein unter vielen jungen Menschen. Bewusstsein darüber, dass es in dieser Gesellschaft fundamental entgegengesetzte Interessen gibt. Deswegen rufen zehntausende Jugendliche in diesem Land immer wieder: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“ (…)
Am 25. September ist der nächste bundesweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht. (…)
Einen Tag danach, am 26. September, sind bundesweit die Demos des DGB gegen die Kahlschlagpolitik. (…)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn uns diese praktische Verknüpfung vom Schulstreik gegen die Wehrpflicht und den Sozialprotesten der Gewerkschaften gelingt, dann haben wir einen wichtigen Grundstein gelegt für die Zusammenführung von Arbeiter- und Friedensbewegung. Einen wichtigen Grundstein, um eine antimilitaristische Bewegung in diesem Land zu organisieren, die der Wehrpflicht und Militarisierung, dem Demokratieabbau und der Kahlschlagpolitik dieser Regierung ernsthaft etwas entgegenzusetzen hat. Also: Packen wir’s gemeinsam an! Lasst uns gemeinsam auf der Straße kämpfen, am 25. September beim Schulstreik gegen die Wehrpflicht, und am 26. September bei den Sozialprotesten!
Übergeordnetes Thema
Vierte Gewerkschaftskonferenz für den Frieden am 25./26. Juli 2026 in Würzburg